wilde perspektiven

wilde perspektiven

Mittwoch, 24. Mai 2017

Die biologische Uhr tickt

Ich gehe ganz stark davon aus, dass hier auch mal jüngere Menschen reinschauen.

Und wenn sie sich vielleicht auch nur im weitläufigen Netz verirrt haben sollten, so können sie hier heute etwas entdecken, das sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen haben.

Liebe Kinder und so weiter, natürlich leben wir nicht schon immer im digitalen Zeitalter. Alles war anders früher. Und viele Menschen meinen sogar, alles sei früher besser gewesen. Doch zumindest in Sachen Fotografie  muss ich vehement widersprechen!

Bevor ich mir meine erste Digitalkamera zugelegt habe, fotografierte ich zunächst mit der analogen Canon T70, später dann mit der Canon T90. Beide Modelle besaßen natürlich noch keinen Bildsensor.

Das Speichermedium sah damals so aus (gerade ganz zufällig gefunden auf meinem Kühlschrank):








the photographic film is nothing else but part of the past

Das ist ein Diafilm, auch Farbumkehrfilm genannt. 

Das Bild zeigt übrigens jene Marke, die ich in meiner vor-digitalen Zeit ausschließlich genutzt habe. Und ich habe darüber hinaus auch immer 36er-Filme eingesetzt, weil ich den Sinn eines 24er-Films – bei fast indentischem Preis – schon damals nicht erkennen konnte.

Bei Wind und Wetter und in den ungünstigsten Situationen musste ich also den Film nach 36 Aufnahmen wechseln. Dazu öffnete man die Rückwand der Kamera, nahm den belichteten Film heraus, um dann den neuen einzulegen. 

Gott, was für eine Pfriemelei das doch war!

Und wenn man sich an einem Sandstrand befand, vielleicht auf der Helgoländer Düne und zu allem Überfluss bei Sturm, dann lief man Gefahr, dass sich bösartige Sandkörner im Innern der Kamera ansiedelten und auf später belichteten Filme hässliche Kratzer hinterließen. Einfach so, weil sie eben bösartig waren.

Alles passé!

Heute muss man seine Kamera nicht mehr öffnen. Und neben der Anschaffung der Gerätschaft entstehen auch keine weiteren Ausgaben mehr. Darüber hinaus ist es eher unwahrscheinlich, dass ausgerechnet in einem superspannenden Moment die Speicherkarte gefüllt ist und man vergebens auf den Auslöser drückt.

Das sind schon tolle Zeiten!

Mit dem Titel dieses Beitrages haben sie aber nichts zu tun.  

Wenn man als Frau die Schallmauer des 30. Geburtstages überschreitet und sich vielleicht (noch) ein Kind wünscht, dann fühlt man sich unter Druck gesetzt. Das geht nicht allen Frauen so, aber einigen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Als Frau hat man nicht ewig Zeit, für Nachwuchs zu sorgen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser gesund zur Welt kommt, wird mit jedem weiteren Jahr geringer, auch wenn sich die Möglichkeiten heute deutlich verbessert haben. 

Über solche Ängste konnte jemand wie Anthony Quinn nur müde lächeln. Der wurde mit 81 Jahren letztmalig Vater. 

Und was, bitteschön, soll man erst als Eintagsfliege sagen?

Am letzten Sonntag (21. Mai 2017) war ich zum ersten Mal in diesem Jahr im Moor bei Tannenhausen. Für eine geile Kreuzotter hat es nicht gereicht. Das erstaunte mich nicht, denn im Mai ist die Vegetation bereits so üppig, dass sich diese Tiere ausgezeichnet verstecken können. Frei unter der Sonne aalen sie sich zu dieser Jahreszeit höchstens noch an kühlen Tagen. Doch am Sonntag war es sehr warm. Und bei meiner Ankunft auch noch stockfinster.

Ich suchte nach Libellen, vor allem nach Moosjungfern. Doch ich fand keine einzige. Es ist seltsam, schlafende Heidelibellen findet man im Sommer immer sehr viele in der Bodenvegetation. Doch die vor allem im Frühjahr fliegenden Moosjungfern bleiben stets unentdeckt. 

Immerhin fand ich eine männliche Kohlschnake, die die Kreuzigung Jesu etwas stümperhaft nachempfand:

Cranefly spec.

Da war ein Halm im Weg, doch eine Schere hatte ich leider nicht dabei.

Eine weitere Schnake entdeckte ich ein paar Meter weiter.

Ich knipste sie im Profil:




second specimen

Eigentlich hätte ich in diesen Fällen deutlich mehr abblenden müssen, doch das geht leider nicht, weil man dann den verfickten Staub auf dem Kamerasensor im Bild erkennen kann. Je mehr man abblendet, desto deutlicher macht er sich bemerkbar. Und am Ende ist das Foto nichts anderes mehr als digitaler Schrott.


Überall entlang der Blänken wimmelte es von Eintagsfliegen, die ich nicht näher bestimmen kann.

Sie waren, wie ja auch die Schnaken, mit hübschem Tau bedeckt:

Mayfly spec. 

Dieses Individuum schien zu beten. Es hatte die Vorderbeine Richtung Himmel gestreckt und hoffte auf Gehör:

"Bitte, lieber Gott, gib mr etwas mehr Zeit!"

Als Eintagsfliege lebt man nämlich nur sehr kurz. Manche Arten nur wenige Stunden, andere ein bis zwei Tage und wenige sogar eine ganze Woche. 

In dieser kurzen Zeit muss alles über die Bühne gebracht werden. Damit sich die Tiere auf das Wesentliche konzentrieren können, brauchen sie sich nicht mehr mit so lästigen Dingen wie der Nahrungsaufnahme zu beschäftigen. Ihre Mundwerkzeuge sind verkümmert, der Magen-Darm-Trakt ebenso. Also selbst wenn sie auf dumme Gedanken kämen, die Natur hat ihnen vorsorglich einen Riegel vorgeschoben.

Irgendwann ging dann die Sonne auf:

Hübsch wurde das Tier durchleuchtet. 

Auch die feinen Schwanzfäden sahen jetzt geradezu märchenhaft aus. 

Noch mehr Sonne gab es schon einige Minuten später:

Als Eintagsfliege lässt man sich trotz der kurzen Lebenszeit nicht unter Druck setzen.

Die hier gezeigten Tiere strahlten jedenfalls ausnahmslos so etwas wie Ruhe aus. Keines wirkte auch nur ansatzweise verzweifelt oder hektisch.

Auch das hier, das ich mit der Sonne im Rücken fotografierte, ruhte in sich selbst:

Doch später, nachdem die wärmende Sonne sie aus ihrer Lethargie und von den Tautropfen befreit hatte, zog es sie allesamt zum Wasser. Dort wurde Hochzeit gefeiert und viel Nachwuchs gezeugt. Und plötzlich war die Luft auch prall mit Moosjungfern gefüllt. 

"Ätsch, hast uns wieder nicht gefunden, du blinder Hirni", riefen sie mir mit unverhohlener Schadenfreude zu. Ich wurde wütend und überlegte für einen Augenblick, ob ich den ganzen Sumpf einfach trockenlegen sollte.

"Wartet nur ab, ihr hohlen Biester, ich werde euch alle töten! Ich werde euch die Beinchen einzeln ausreißen. Und dann die Flügel. Ich werde euch aufs Rad flechten, vierteilen, euch Daumenschrauben anlegen oder in die Eiserne Jungfrau stecken! Oder ich werde euch in siedendem Fett frittieren und dann an den Chinesen verhökern!"

Das war natürlich nur ein Scherz von mir. Eine leere Drohung, die aber ihre Wirkung nicht verfehlte. Jedenfalls verstummte der Chor der tausend Libellen von der einen auf die andere Sekunde.


Die Larven der Eintagsfliegen entwickeln sich, wie jene der Libellen, im Wasser. Im Gegensatz zu diesen ernähren sie sich mehr oder weniger ausschließlich von pflanzlicher Kost. Nach etwa einem Jahr ist die Entwicklung der allermeisten Arten abgeschlossen und die Flugzeit der Imagines beginnt. Und die ist dann, wie oben bereits geschrieben, von sehr kurzer Dauer.

Nimmt man also beide Stadien zusammen, dann ist die Lebensspanne einer Eintagsfliege gar nicht mehr so kurz. Jedenfalls nicht viel kürzer als die vieler anderer Insekten.


Nach Sonnenaufgang passiert in der Regel nicht mehr viel. Immerhin entdeckte ich noch einen weiblichen Heidespanner, der sich für die Nachtruhe einen eher ungünstigen Bereich des Moores ausgewählt hatte. Denn an diesem Ort, im Schatten eines Birkengebüschs, sollten sich die Sonnenstrahlen erst viel später einfinden.

Dorsalansichten:

female Common Heath

Und ein Bild von unten und im Gegenlicht:

Der Heidespanner klammerte sich fest an den Halm des Pfeifengrases.

Einige Minuten später, bei einer erneuten Kontrolle, war er dann weg. 

Gagel im Gegenlicht:

Bog Myrtle

Ich blieb bis etwa zehn Uhr im Moor, sah noch zwei Baumfalken, einen Temminckstrandläufer und keinen Blauwangenspint.    

Weil mich von der einen auf die nächste Sekunde der Heuschnupfen plagte, musste ich das Feld räumen. 

Doch ich machte noch eine Pause im Egelser Wald, wo ich das drittletzte Bild dieses Berichts schoss:


characteristic courtship display of Eristalis interruptus (or interrupta) 

Es zeigt drei Mittlere Keilfleckschwebfliegen, zwei Männchen und ein Weibchen. Während sich die Angebetete auf dem Blütenstand des Wiesenkerbels niedergelassen hatte und dort mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt war, standen über ihr gleich zwei Männchen etwa eine Minute helikoptermäßig in der Luft. Ich weiß gar nicht, ob sie das überhaupt mitbekommen hat.

Und wer von den beiden Kerlen am Ende als Sieger vom Platz gegangen ist, muss auch offen bleiben.


Ganz zum Schluss gibt es heute jeweils ein Bild von meinen ersten beiden Kameras.

Mein allererstes Modell war die  Canon T70, die ich mir 1994 gebraucht und für vergleichsweise wenig Geld zulegte:



my very first camera I bought in 1994

Mit dieser Kamera habe ich wohl etwa drei bis vier Jahre fotografiert.

Die Resultate waren klasse, doch weil die Kamera eher lahmarschig war (ein Bild pro Sekunde), sah ich mich gezwungen, mich nach einem schnelleren Modell umzusehen.

Meine Wahl fiel auf die gute alte Canon T90 (hier mit dem 4,5/400er, ebenfalls von Canon), die bei vollen Batterien bis zu fünf Bilder pro Sekunde schaffte:

my second camera that I used to take photographs with before the digital era began

Addiert man nun die Canon EOS 50D, also mein aktuelles Gehäuse, dann habe ich in knappen 25 Jahren mit gerade mal drei verschiedenen SLR-Kameras gearbeitet.

Es gibt Menschen, die alljährlich wechseln, zum Teil ihr gesamtes Equipment. Ich bin der Meinung, dass das, gelinde gesagt, übertrieben ist, vor allem dann, wenn man nur hobbymäßig (aber trotzdem mit professionellem Anspruch) fotografiert.

Mir ist es immer egal gewesen, welcher Hersteller (meist ging es eh nur um Canon oder Nikon) gerade wieder eine Neuerung präsentieren konnte. Das passierte doch auch beinahe im monatlichen Rhythmus. Wollte man da mithalten und immer auf dem neuesten Stand sein, bliebe einem kaum mehr Zeit zum Knipsen. Und das wäre doch eher traurig, oder?

Seit ich auf das digitale System umgestiegen bin, habe ich übrigens nie wieder eine der beiden analogen Kameras in meinen Händen gehalten.

Und nie wieder habe ich einen Film eingesetzt.

Und das ist gut so!