wilde perspektiven

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Freitag, 25. Mai 2018

Neues vom Diekskiel

Diekskiel heißt auf Hochdeutsch Deichkeil, wenn ich mich nicht irre.

Wirft man ganz unbefangen einen Blick auf die Karte, erkennt man auf der Stelle, wie es zu diesem Namen kommen konnte (einfach mal Frau Google befragen).

In der jüngeren Vergangenheit bin ich oft dort gewesen, weil es sich um einen Ort handelt, an dem ich mir das plötzliche Auftreten geiler Vogelarten wie Weißbart-Grasmücke oder Heckensänger besonders gut vorstellen kann.

Doch so einfach ist das eben auch nicht.

Bereits einige Male habe ich in diesem Blog auf die ganz besonderen Umstände an diesem ganz besonderen Ort hingewiesen (siehe auch letzten Bericht). Wie die Parkplätze am Restaurant Strandlust auf dem Rysumer Nacken wird auch jener am Diekskiel sehr gerne von vielen Wohnmobilern genutzt.

Ganz schlimm ist das an Feiertagen, an den Wochenenden und in den Ferien. Ich frage mich, warum all diese Menschen nicht auf dem Campingplatz übersommern. Ich meine, die sind dafür extra aus dem Boden gestampft worden. 

Nur im Winter, wenn das Aufkommen von Zugvögeln komplett eingeschlafen ist, hätte man dort seine Ruhe.

Aber was soll ich im Winter an diesem Ort? 

Pfingsten am Diekskiel:







actually the parking lot at so called Diekskiel is a good place for birding. On good days this very last shrubbery close to the dyke and the Dutch border offers shelter to many migrating passerines. But unfortunately tons of campers love to spend at least few days a year at this location at the coast. How can I enjoy watching birds, when there are so many people watching me?

Ein Überblick mit dem Weitwinkel, der nur einen Teil der anwesenden Wohnmobile und keines der Zelte zeigt:

certainly not a beautiful impression in my opinion

Nur am ganz frühen Morgen kann man noch in Ruhe nach Kleinvögeln gucken und zum Beispiel einen singenden Gelbspötter beobachten:  

singing Icterine Warbler

Zu dieser Zeit liegen die Urlauber nämlich ausnahmslos noch in ihren Kojen.

Leider versperren ihre fetten Plastikvehikel einen Großteil der Büsche, in die ich doch so gerne einen Blick werfen würde.

Um zum Beispiel einen weiblichen, vermutlich nordischen Trauerschnäpper zu entdecken:

female Pied Flycatcher 

Der in Ostfriesland noch so erfreulich häufige Stieglitz brütet auch am Diekskiel. 

Hier eine kleine Gruppe bei der Nahrungssuche am ganz frühen Morgen:

foraging Goldfinches

Auch die geile Ringeltaube brütet in den Büschen am Deich. Im vergangenen Herbst wurden dort noch Mitte November Junge im Nest gefüttert.

Hier eine Gruppe bei der gemeinsamen morgendlichen Gefiederpflege auf dem Denkmal für die Deicharbeiter:


preening Wood Pigeons on the top of the dyker monument

Eine einzelne stand auf einem Zaun und genoss die Morgensonne:

another

Ich fuhr etwas näher heran:

same

what?

Mist, für diese Tage muss ich mir dann wohl ein anderes Programm ausdenken.

Wahrscheinlich wird wieder eine neue Folge der Krimireihe Friesland gedreht. Die Filmschaffenden waren mir in den Jahren zuvor bereits mehrfach auf dem Rysumer Nacken in die Quere gekommen.

Und zu fast guter Letzt sah ich diesen süßen Feldhasen am Rande des Rundweges, der sich verzweifelt im viel zu kurzen Gras duckte und ganz bestimmt darauf hoffte, dass der bescheuerte Vogelgucker im versifften Corsa einfach an ihm vorbeifahren möge.

Ihr kennt die Geschichte mit dem Kelch.

Doch Pech gehabt:

this cute European Hare was playing  hide and seek with me

Nachdem ich meinen feisten Körper endlich in die Waagerechte gebracht hatte, taute der Hase doch tatsächlich ein wenig auf:

same

Eine ganze Weile hockte er so da, um dann schließlich durchzustarten. 

Und zwar so schnell, dass ich nicht mehr angemessen reagieren konnte. Vor dreißig Jahren hätte ich das vielleicht noch gepackt.

Ein letztes Bild:

fish trap approximately one kilometer off the shore. Note the bushes of so called Diekskiel (centre top) 

Zum ersten und ganz bestimmt auch zum letzten Mal habe ich mich ins Watt begeben und die Stellnetze vor der Küste besucht. 

Unterhalten werden sie von meist (oder ausschließlich) pensionierten Menschen. So unglaublich oft habe ich sie in den letzten Jahren ins weite Watt hinausstiefeln sehen.

Bei Wind und Wetter! 

Immer dann, wenn das Wasser nach dem Erreichen des Scheitelpunktes wieder abläuft, tauchen diese Hobbyfischer wie aus dem Nichts auf dem Deich auf und machen sich zu Fuß auf den Weg zu ihrem Fangplatz. 

Ihre Gefäße für die oft eher karge Beute und sonstige Utensilien ziehen sie an einer Leine hinter sich her:


fisherman on his way to his trap


Irgendwann im Herbst werden die Fangplätze dann abgebaut, weil sie dem Blanken Hans kaum etwas entgegenzusetzen hätten. 

Ich für meinen Teil muss diesen Spaziergang durchs Watt vorerst nicht noch einmal haben. Gleich zu Beginn sinkt man nämlich knietief ein. Bis zu den Netzen wird es kaum besser. Vonwegen Sandwatt und so weiter. Es ist ein langer und beschwerlicher Weg zu den Fangplätzen vor der Küste. Und deshalb ringt es mir gehörig Respekt ab, dass es Menschen gibt, die diese Tortur jeden Tag und vor allem freiwillig auf sich nehmen.

Mich hat diese Wanderung an das armselige wie sinnfreie Zirkeltraining im Sportunterricht zu meiner Schulzeit erinnert.

Und schließlich müssen erst mal die vielen Schnittverletzungen an meinen Füßen verheilen. Wenn ich dann wieder richtig laufen kann, werde ich die Weißbart-Grasmücke aus den Büschen am Diekskiel schütteln.

Oder den geilen Heckensänger.

Wetten, dass?