wilde perspektiven

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Mittwoch, 7. Dezember 2016

Bergpieper (Teil 3)

So, Kinners, die erste echte Bewährungsprobe hat der Bergpieper unbeschadet überstanden.

Eine mehrere Tage währende Kälteperiode mit Temperaturen deutlich unterhalb des Gefrierpunktes hat ihm überhaupt nichts ausgemacht.

Doch der klirrende Frost ist erst einmal Vergangenheit.

Heute war es nämlich wieder so warm wie sonst nur an einem kühlen ostfriesischen Sommertag. Da könnte man beinahe vergessen, dass es tatsächlich einen Wintereinbruch gegeben hat, obwohl der gerade mal ein paar Stunden zurückliegt.

Doch ich kann eine ganze Reihe von Belegfotos in die Waagschale werfen. Fotos, die eindrucksvoll illustrieren, dass der Winter wenigstens für ein paar Tage einen auf Sibirien gemacht hat.

Hier das erste aus einer ganzen Reihe:




Water Pipit – same individual as in previous blog post (see here)

Am vergangenen Sonntag (4. 12. 2016) machte ich gleich am frühen Morgen eine ganz besondere Entdeckung.

Wenn alle Scheiben meines Wagens komplett zugefroren sind, kratze ich die Seitenscheiben eigentlich nie frei. Die Heckscheibe befreit sich selbständig vom Eis, die Windschutzscheibe muss mit einem kleinen Guckloch von etwa einem Quadratzentimeter auskommen. Fährt man dann los, ist es ratsam, die Atmung für eine halbe Stunde einzustellen, weil die Windschutzscheibe sonst von innen beschlägt und zufriert.

Doch schon an der ersten Kreuzung wird es kompliziert. 

Man soll sich ja sowohl nach links als auch nach rechts absichern, wenn man in eine Straße einbiegt. Ich drücke dann für gewöhnlich den Knopf, und dann macht es "knack". Die Scheiben gehen runter, und der Blick auf den Verkehr ist endlich freigegeben. Ohnehin keine Sau unterwegs zu dieser Stunde. 

Doch was, dachte ich hellwach, ist das? Wieso sind die Außenspiegel in der Mitte eisfrei? 

Die müssen beheizt sein, versuchte ich es mal mit Logik. Mensch, all die Jahre hatte ich mein Auto unterschätzt. Uh, Corsa, da haste mich aber jetzt wirklich überrascht. In den folgenden Tagen achtete ich auf dieses Phänomen. Und tatsächlich: Kaum war der Motor angesprungen, begann das Eis auf den Spiegeln zu tauen.

Sensation!

Spätestens dann, wenn ich die Autobahn-Auffahrt in Wolthusen erreiche, ist aber ohnehin alles vergessen. Lüftung und Heizung funktionieren einwandfrei und verwandeln das lästige Eis in wenigen Minuten in harmloses Wasser.

so fucking cold on this early Sunday morning

Auf dem Rysumer Nacken war an diesem Morgen alles weiß. 

Eine echte Bilderbuchlandschaft!

Vom Parkplatz am Restaurant Strandlust führte mich mein Weg dann zum Fotoplatz. Die letzten etwa 400 Meter bis zum Versteck ging ich einen mächtigen, mehrere Meter hohen und noch breiteren Erdwall entlang. Seine Funktion ist mir nicht bekannt. Doch immer, wenn ich ihn sehe, muss ich automatisch an Christstollen denken. Er hat genau diese Form. Und an diesem Morgen sah er zu allem Überfluss auch noch aus wie mit Puderzucker bestreut. 

Ich bekam Hunger. 

Doch hatte ich nichts im Rucksack außer meinen Mehlwürmern. 

Gegen acht Uhr lag ich auf meiner Isomatte. In etwa 15 Minuten, also noch vor Sonnenaufgang, würde der Bergpieper die Bühne betreten, das wusste ich inzwischen. Der Vogel ist ein Gewohnheitsmensch und landet immer irgendwo im angrenzenden Graben, um dann die letzten Meter still und leise zu Fuß zurückzulegen. 

Weil er aber vor der Landung fast immer ruft, weiß ich genau, wann ich aus dem Halbschlaf erwachen muss.

all pictures show the same specimen

Zuerst sehe ich immer den Kopf des Vogels. 

Oft bleibt der Bergpieper eine ganze Weile am Rand des Grabens stehen, um zu prüfen, ob die Luft rein ist. Er weiß natürlich, dass ich da bin, lässt mich aber in dem Glauben, er hätte absolut keine Ahnung.

Erst nach einigen Minuten des Wartens schleicht er wie in Zeitlupe und manchmal geduckt wie eine Maus in Richtung der Mehlwürmer. An diesem Morgen war es dermaßen frostig, dass der Vogel immer wieder seine Füße abwechselnd einzog, um sie im Gefieder zu wärmen.

Bei diesen Temperaturen kein Wunder.

Zu diesem Zeitpunkt war die Sonne noch nicht aufgegangen.

Ich trug dicke Handschuhe, die aber beim Fotografieren eher hinderlich sind. Auf der anderen Seite mag ich die kalten Metallteile von Kamera und Stativ nicht mit bloßen Fingern anfassen. Das ginge bei diesen Temperaturen ohnehin nicht lange gut.

Geschafft, die ersten beiden Mehlwürmer erkundeten das Innere des Bergpiepers:

Wenn ich mir solche Bilder anschaue, wundere ich mich immer, dass sich so ein kleiner Vogel nicht den Arsch abfriert. Also, dass das alles so funktioniert mit seiner Thermoregulation und so weiter.

Ich meine, ich lag auf einer Isomatte, der Bergpieper nicht.


Inzwischen wurden die Wipfel der Bäume, die ihr Lager in einigen hundert Metern Entfernung aufgeschlagen hatten, ganz langsam in ein weiches Rosa getaucht. Nach und nach sanken die Pastellfarben zu Boden und wurden schließlich kräftiger.

Die Sonne, dieser Leben spendende Feuerball, sollte uns auch an diesem wolkenlosen Tag nicht im Stich lassen.


Doch den Futterplatz erreichte sie noch nicht, weil da dieser riesige Christstollen im Weg stand.

Der Bergpieper stopfte in aller Ruhe einen Mehlwurm nach dem anderen in sich hinein.

Dann ging er zu einem seiner Verdauungsplätze, die ihm besseren Sichtschutz bieten. Für meine Kamera und mich gibt es dann leider nichts zu holen. Man muss dann einfach geduldig bis zur nächsten "Fressattacke" warten.  

Dass sie auch an diesem Morgen kommen würde, ließ sich kaum vermeiden. Doch ob der Vogel im richtigen Moment Hunger bekam, das war die große Frage. Denn natürlich wollte ich ihn im richtigen Licht fotografieren. Und das richtige Licht gab es dann, wenn etwa ein Zehntel der Sonnenscheibe über den Christstollen hinwegblinzelte. Das ist nur für einen sehr kurzen Moment der Fall. Und nur in diesem Augenblick sind  die Farben wirklich schön. Nur dann scheint die Sonne, ohne störende und kontrastreiche Schatten zu produzieren. 

Der Bergpieper döste vor sich hin. Er wusste nicht, um was es hier an diesem Morgen ging. Ich hoffte darauf, dass sein klitzekleiner Vogelmagen zu knurren begann, denn der magische Moment war nicht mehr fern.

Dann endlich streckte sich der Bergpieper. Dehnübungen können nie schaden, dachte ich so nebenbei. Der Vogel gähnte mehrfach und kackte schnell noch in die weiße Pracht. Dann setzte er sich in Bewegung.

Auf dem folgenden Bild machte er auf halber Strecke eine letzte Pause:

Ganz langsam, wie eigentlich immer, kam er schließlich auf mich zugestolpert. Er stoppte kurz und reckte sein Köpfchen in die Höhe, um ein letztes Mal nach einem potenziellen Feind zu spähen.

Und genau in diesem Moment sah ich durch den Sucher meiner Kamera, dass der flächige Lichtreflex auf dem Auge des Vogels einem kleinen Punkt gewichen war:

Die Pflanzen im Vordergrund befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Schatten, der Kopf des Vogels aber wurde bereits zaghaft angestrahlt.

Leider blieb der Bergpieper dort nicht stehen. Überhaupt wollte er jetzt nicht mehr stillhalten. Ich hatte also nicht die Möglichkeit, die angefertigen Bilder sowie die Belichtung zu kontrollieren, wie ich es sonst mache, wenn der Vogel für längere Zeit an einem Ort steht. Gerade im Falle von Raureif und Schnee ist die ganze Kacke mit der korrekten Belichtung eine echte Herausforderung!

Der Bergpieper fand keine Ruhe. Wahrscheinlich hatte er bereits alle Mehlwürmer, die ich dort ausgelegt hatte, aufgegessen. Um möglichst viele verschiedene Fotos mit unterschiedlichem Hintergrund zu ergattern, biete ich dem Vogel an mehreren Stellen Futter an. Und jetzt sollte sich das leider als Fehler herausstellen. 

Bergpieper von hinten:




Und von der Seite:

Der Vogel war plötzlich so rastlos, dass ich nicht einmal das Autofokus-Messfeld wechseln konnte. 

Ich hielt einfach drauf und hoffte, dass am Ende schon was Brauchbares dabei sein würde. Doch ich will vorwegnehmen, dass mich keine der hier gezeigten Aufnahmen wirklich überzeugt.

Meist guckte der Vogel einfach in die falsche Richtung.  

Und dann ging alles ganz schnell. 

Die Sonne hatte es eilig und überwand schließlich die christstollige Hürde.

Mit einem Mal war das Licht viel zu prall, ja geradezu widerwärtig grell und gelbstichig.

Trotzdem machte ich noch ein paar Bilder, weil ich ja nicht wusste, ob ich jemals wieder die Gelegenheit bekommen würde, einen Bergpieper aus wenigen Metern Distanz zu fotografieren:

Da muss man alles geben:

Und hier schließt sich der Kreis auch schon wieder.

Denn dort, wo der Vogel auf dem folgenden Bild stand, nämlich am oberen Rand der Grabenböschung, da hatte ich ihn auch schon am frühen Morgen fotografiert:

Hier das Vergleichsbild, allerdings mit einem Pflanzenstängel im Weg:

Später riskierte ich einen Blick nach hinten, um zu gucken, ob es nicht doch noch eine kleine Wolke am azurblauen Himmel geben sollte.

Tatsächlich kam da eine etwas größere auf mich zugeflogen. Ihr ist es zu verdanken, dass ich auch noch die folgenden zwei Bilder machen konnte:

Danach war dann aber sprichwörtlich Schicht im Schacht.

Keine einzge weitere Wolke ließ sich an diesem Tag am ostfriesischen Himmel blicken.

Das ist dann der Zeitpunkt, an dem man seine sieben Sachen zusammenpacken sollte.

Ganz oben habe ich natürlich etwas übertrieben. Ein paar Tage Frost sollten für einen Bergpieper kein ernstes Problem darstellen. Schließlich muss er auch zur Brutzeit durchaus mal mit klirrender Kälte rechnen, weil sich sein Lebensraum im Hochgebirge in der Regel oberhalb der 1200-Meter-Marke befindet. 

Zum Abschluss zeige ich schnell noch dieses Rotkehlchen, das ich ja bereits im letzten Bericht erwähnt hatte:


Robin

Auch dieser kleine Piepmatz sollte am Sonntag nicht leer ausgehen.

Wenn der Bergpieper diese kurze Eiszeit erfolgreich gemeistert hat, dann gilt das aber keinesfalls für alle Tiere, die man in und um Emden finden kann.

Ein Beispiel dafür ist dieser Grasfrosch:

some Common Frogs have real problems

Was das arme Tier dazu bewogen haben mag, sein sicheres Winterquartier bei diesen Temperaturen zu verlassen, ist mir ein Rätsel.

Der Frosch stand auf dem Eis eines kleinen Gewässers bei Rysum und war offensichtlich tot. Einen Tag später war er verschwunden. Ich gehe davon aus, dass ihn ein Fuchs oder ein anderes hungriges Tier gefunden und aufgegessen hat. Bei niedrigen Temperaturen sind Kalorien umso wichtiger. Und außerdem ist das Einsammeln von Aas ja auch eine der vielen Aufgaben des Fuchses und so weiter.

Andere Perspektive:

same

Was lehrt uns das?

Als Frosch sollte man sich nicht bei strengem Frost nach draußen wagen. Diese Tiere können zwar ohne größere Probleme einiges an Kälte ertragen, aber -7° Celsius sind dann doch einfach zu viel. Oder zu wenig, ganz wie man will.

Bleibt abschließend noch festzuhalten, dass ich an einem frostigen und windstillen Tag nicht annähernd so friere wie an einem windigen mit Temperatueren weit über dem Gefrierpunkt.


Okay, einen habe ich noch*:

Ein kleiner Junge sieht einen älteren Mann aus dem Bordell kommen. 

Er ruft ihm zu: "Ich habe gesehen, dass du da rausgekommen bist!"

Der Mann beschleunigt seinen Schritt und schlägt den Kragen seines Mantels hoch. Der Junge läuft ihm hinterher. Noch bevor der Mann in einem Haus verschwinden kann, schreit der Junge über die Straße: "Jetzt weiß ich, wo du wohnst!"

Zu Hause berichtet er seiner Mutter ganz aufgeregt von der Begegnung mit dem älteren Mann. Sie schimpft mit ihm und schickt ihren Sohn zur Beichte.   

Etwas reumütig wartet er auf der harten Kirchenbank darauf, dass er an der Reihe ist. Schon wenige Minuten später sitzt der Junge im Beichtstuhl und beginnt stotternd zu sprechen. Schemenhaft zeichnet sich das Gesicht des Pastors vor ihm ab, und der Junge stottert plötzlich nicht mehr, ruft stattdessen laut: "Und jetzt weiß ich auch, wo du arbeitest!"


Horrido, Kinners!

* Vor vielen Jahren war dieser Mehrzeiler in einer ostfriesischen Tageszeitung erschienen. Und zwar auf der so genannten Kinderseite, wo ihn seinerzeit eine Zehnjährige zum Besten gab. Und irgendwie ist das einer der ganz wenigen Witze, die mir in Erinnerung geblieben sind.