wilde perspektiven

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Sonntag, 18. September 2016

Große Heidelibelle

Für die meisten Menschen sehen wohl alle Heidelibellen identisch aus. 

Doch nur zwei von ihnen gleichen einander tatsächlich wie ein Ei dem anderen. 

Ganz genau hinsehen muss man, um die subtilen Unterschiede zwischen diesen beiden heimischen Arten erkennen zu können. Und selbst wenn man sie bemerkt, kann es nicht schaden, einen Menschen um Rat zu fragen, der sich besser mit Libellen auskennt als man selbst.

Es geht heute um die Große Heidelibelle:

male Common Darter – in contrast to the close related Vagrant Darter this species is considered to be rare in the northwestern part of Germany, while it is one of the most common dragonflies in the South. Last Thursday I found up to 1000 individuals at so called Diekskiel, a location close to the dike near Pilsum. Probably strong easterlies have temporarily drifted these masses of dragonflies to this exposed place. 

Am vergangenen Donnerstag (15. September 2016) hielt ich mich am Nachmittag am so genannten Diekskiel bei Pilsum auf. Es blies ein fieser Ostwind, der aber immerhin dafür sorgte, dass sich nicht eine einzige Wolke am Himmel aufhielt. 

Der Parkplatz dort ist von einem Gebüsch umgeben. Zusätzlich gibt es weitere kleine Hecken, die in erster Linie von der Kartoffelrose gebildet werden. Gleich nach meiner Ankunft fielen mir die unglaublich vielen Heidelibellen auf, die sich im Windschatten der größeren Büsche und Bäume, aber auch auf und über der Rasenfläche in der Sonne tummelten.

Hier ein weiteres Männchen:





different male

Schnell war ich davon überzeugt, dass es sich bei den allermeisten Tieren um Individuen der Großen Heidelibelle handelte. Eigentlich waren alle blassroten Libellen, die ich mir an diesem Ort genauer ansah, Vertreter dieser Art. Geschätzte 700 bis 1000 Tiere, Männchen wie Weibchen, waren es mindestens. 

Es wimmelte also geradezu von Heidelibellen, die sogar einigen Campern aufgefallen waren. Die Tage davor sollen es deutlich weniger Tiere gewesen sein, versicherten sie mir glaubhaft.

Hier mal eine Frau (beachte die diagnostische Form der Legeröhre):

female

Das passt, dachte ich, denn der fiese Ostwind war erst am Abend zuvor aufgekommen.

Libellen suchen bei stürmischem Wetter gerne windgeschützte Bereiche auf. Sie können sogar über viele (hundert) Kilometer verdriftet werden. Wenn es nur wenige Gebüsche gibt, wie das am Deich der Krummhörn der Fall ist, dann kann es dort zu sehr großen Ansammlungen von Libellen kommen, die aus sehr unterschiedlichen Gebieten stammen können. Im Grunde weiß ich also nicht einmal, ob es sich bei all den Tieren am Diekskiel um lokale Große Heidelibellen gehandelt hat oder um welche, die aus Sachsen oder Baden-Württemberg stammen.

Ich sah viele Paarungen auf dem Parkplatzgelände und trotz des stürmischen Windes auch wenige Eiablagen am Pilsumer Tief, das sich unmittelbar östlich und zu Füßen des Parkplatzes befindet:

Pilsumer Tief

Neben meinem ersten und bislang einzigen Postillon des Jahres 2016 sah ich als weitere Libellen-Arten einige Schwarze Heidelibellen (auch Paarungen) und wenige Blutrote Heidelibellen. Zusätzlich zeigten sich viele Herbstmosaikjungfern und einzelne Blaugrüne Mosaikjungfern, die sich allesamt auf der Jagd befanden und ein ums andere Mal einen kleinen Snack in Form winziger Fluginsekten aus der Luft erbeuteten.

Während ich wie in Zeitlupe einen Schritt auf den anderen setzte und mit meinen Stielaugen die Rosenbüsche absuchte, flog plötzlich in größerer Entfernung eine Libelle auf, die ich überhaupt nicht einordnen konnte. Für eine Heidelibelle war sie zu groß, für eine Mosaikjungfer viel zu klein.

Glücklicherweise landete das Tier, und ich konnte rasch einen Blick durch mein Fernglas riskieren. 

Ich war erstaunt, denn die Libelle war ein junger Plattbauch (unten, mit Großer Heidelibelle):





my very first Broad-bodied Darter in September!

Schnell schoss ich zwei Bilder, die in der Eile leider nicht ganz scharf geworden sind. 

Nachdem der Plattbauch gelandet war, war ich eigentlich davon ausgegangen, ihn perfekt fotografieren zu können. Das ist bei dieser Art sonst nicht so kompliziert. Und ich hätte meine Oma darauf verwettet, dass mir das gelingt. Doch am Ende konnte ich froh darüber sein, überhaupt die zwei Belegbilder hinbekommen zu haben, denn nach nur wenigen Sekunden erhob sich der Plattbauch bereits wieder und verschwand hinter einem Gebüsch.

Leider sollte ich ihn nicht wiederfinden.

Diese in Ostfriesland häufige, aber niemals in sehr hoher Dichte vorkommende Art fliegt vor allem in den Monaten Mai und Juni. Im Juli sieht man den Plattbauch schon deutlich seltener. Und noch nie habe ich ihn im August oder gar im September beobachtet!

Möglicherweise war die unglaublich warme Witterung der letzten Tage mit Temperaturen nahe der 30-Grad-Marke dafür verantwortlich, dass das Tier zur falschen Jahreszeit aus der Larvenhülle geschlüpft war. Jedenfalls zeigt dieses Beispiel wieder sehr eindrucksvoll, dass man niemals wissen kann, was man sehen wird, wenn man sich auf einen Beobachtungsgang begibt. Jeder Tag kann mit einer faustdicken Überraschung daherkommen, wenn er gerade Bock darauf hat. Und das ist das Tolle an der Natur. Sie ist weder transparent noch vorhersehbar.

Sie ist megaabwechslungsreich!


Die Große Heidelibelle gilt in Norddeutschland als selten.

Das sollte natürlich auch in Ostfriesland so sein. Es ist die nahe verwandte und fast identisch aussehende Gemeine Heidelibelle, die bei uns im Norden das Bild prägt. Sie ist eine der häufigsten und anspruchslosesten Heidelbellen überhaupt und kann entsprechend überall vorkommen, wo es Gewässer gibt.

Weil man mir mal gesagt hatte, es sei in Ostfriesland (fast) ausschließlich mit dieser Art zu rechnen, hatte ich mir in der Vergangenheit nie die Mühe gemacht, Libellen mit diesem Erscheinungsbild genauer zu bestimmen. Ich hielt das für zu schwierig und war einfach auch immer davon ausgegangen, es müsse sich um die Gemeine Heidelibelle handeln.

Das war natürlich dumm von mir, wenigstens aber naiv, denn wenn Arten wie die Frühe Heidelibelle oder die ebenfalls vorwiegend mediterrane Feuerlibelle alljährlich in Ostfriesland auftauchten, dann sollte das auch im Falle der Großen Heidelibelle möglich sein, die schließlich im Süden der Republik ein echter Massenartikel ist.

Ich hatte einfach nie genau hingesehen.

Doch warum ging mir jetzt plötzlich doch noch ein Licht auf?


third male

Zunächst einmal war da das Weibchen, das sich an einem lauen Spätsommerabend auf meinem Balkon gesonnt hatte (vgl. den vorletzten Bericht).

Und dann waren es am Diekskiel die kontrastreich gezeichneten und gefärbten Brustseiten vor allem der Männchen, die mich stutzig machten. 

So helle und scharf abgegrenzte Streifen meinte ich nie zuvor bewusst gesehen zu haben. Ob es sich dabei um ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Arten handelte, war mir aber unbekannt. Dafür zeigten alle von mir genauer unter die Lupe genommenen Indviduen, Männchen wie auch Weibchen, einen schwarzen Querbalken auf der Stirn, dessen Enden nicht entlang der Augen hinabliefen. 

Das war tatsächlich ein eindeutiger Hinweis auf die Große Heidelibelle!

Nach meiner Rückkehr nach Hause recherchierte ich ausgiebig. Es sollte sich schnell herausstellen, dass auch die fast weißen Streifen auf dem Thorax für die Große Heidelibelle sprachen. Allerdings gibt es da wohl auch eine beträchtliche Variation. Zur Sicherheit stellte ich einige Bilder in ein Fachforum, wo Kathrin J. aus Mainz meine Vermutung dankenswerterweise bestätigen konnte.

Jetzt weiß ich es also besser: Wenn man nahe genug an die Tiere herankommt, sollte die Artdiagnose eigentlich möglich sein.


Ein zweites Weibchen:


female

Zwei Tage später, am Samstag, machte ich mich bereits am frühen Morgen auf den Weg nach Pilsum. 

Es war noch kühl und dicht bewölkt. Libellen zeigten sich zu dieser frühen Stunde noch nicht in den Gebüschen des Parkplatzes. Bereits am Tag zuvor hatte der Wind deutlich nachgelassen und darüber hinaus auf Nord gedreht. 

Ich entdeckte eine Schleiereule, die mir aus dem Kronenbereich eines windgebeugten Baumes beim Suchen zuschaute:





a Barn Owl was watching me (record shot)

Gegen Mittag schaffte die Sonne es endlich, sich durch die Wolkendecke zu kämpfen.

Doch trotzdem kamen nur ganz wenige Libellen zum Vorschein. Wahrscheinlich hatten sie den Parkplatz am Freitag bereits wieder verlassen und ihre Laichgewässer aufgesucht, nachdem der Wind endlich abgeflaut war. Es ist also wohl tatsächlich so gewesen, dass die Wetterkonstellation mit viel Sonne und Wind die vielen Libellen vorübergehend zum Diekskiel befördert hatte.

Ich verzichtete auf weitere Bilder, doch ich kann noch welche vom Donnerstag zeigen:

another male 

Ein junges Männchen der Großen Heidelibelle:


a young male 

Das junge Männchen und ein altes auf einem Bild:

young and mature male together

Und abschließend gibt's wieder ein ausgefärbtes Männchen, das sich am Donnerstag-Nachmittag freiwillig im Schatten aufhielt, weil ihm die hohen Temperaturen in der prallen Sonne wohl nicht zusagten:

a last male

Mir übrigens auch nicht!


Ich verließ den Parkplatz, der auf einer Erhöhung liegt, und stieg zum Pilsumer Tief hinab. Dort setzte ich mich auf eine Brücke und tauchte meine Füße ins Wasser. Große Heidelibellen flogen hier zwar auch einige herum, doch konzentrierte ich mich fotomäßig jetzt auf eine männliche Herbstmosaikjungfer, die direkt vor meiner Nase über dem Wasser patrouillierte. Wenn sie nahe genug herankam, konnte ich sogar den Autofokus einsetzen:

male Migrant Hawker patrolling for sexy females

Ein weiteres Bild dieser in Ostfriesland wohl häufigsten Mosaikjungfer:

same

Nachdem ich sie endlich eingetütet hatte, machte ich mich auf den Weg.

Ich fuhr vom Parkplatz nach Pilsum, über die vielleicht holprigste Straße der Welt. und sah aus den Augenwinkeln einen Greifvogel mit anscheinend fetter Beute am Straßenrand durchstarten, doch es war "nur" ein Mäusebussard, der einen Haufen Heu durch die Luft trug:

Common Buzzard

Ob sich darin eine Maus verbarg, konnte ich nicht erkennen.


Zum Abschluss gibt es ein Bild, das die Buhne am Emsstrand bei Hochwasser zeigt:


high tide 

Wie man sehen kann, war es an diesem Tag nahezu windstill.   


Auf den Britischen Inseln ist die Große Heidelibelle übrigens sehr häufig – daher der Name Common (=gewöhnlich) Darter –, während die bei uns in Norddeutschland so normale Gemeine Heidelibelle dort nur als seltener Gast auftritt. Ihr englischer Name lautet entsprechend Vagrant (=Irrgast) Darter.

Das nur so nebenbei.