wilde perspektiven

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Samstag, 4. November 2017

Ein Nonnensteinschmätzer besucht Norddeich

Norddeich ist ein gar nicht so beschauliches Dorf an der ostfriesischen Wattenmeerküste.

Von dort aus kann man zum Beispiel die Inseln Norderney und Juist ansteuern.

Man kann aber auch bleiben und seinen Urlaub gleich im Ort oder in einer der umliegenden Bauernschaften verbringen.

Das kleine Dorf liegt exponiert am äußersten nordwestlichen Zipfel der ostfriesischen Halbinsel und grenzt an an eine riesige Wasserfläche, die für viele Vögel, die sich im Herbst auf dem Weg von Ost nach West befinden, eine Zugbarriere darstellt. 

Wenigstens vorübergehend und bei heftigem Gegenwind. 

Auf der Karte kann man die exponierte Lage sehr schön erkennen. Und vor acht Jahren, als ich nach Ostfriesland kam, wusste ich das natürlich schon. 

Mitte September 2009, es war ein sehr warmer und sonniger Tag, düste ich also leichtfertigerweise von Aurich nach Norddeich, um an der Wasserkante einen auf Vogelgucker zu machen. Ich war wirklich beschwingt von dem Gedanken, tolle Beobachtungen zu machen. Doch was ich sah, als ich dort ankam, ließ das Blut in meinen Adern gefrieren.

Massenterrorrismus in seiner reinsten Form!

Ich habe nie verstanden, warum es so viele Menschen ausgerechnet an Orte zieht, wo sich schon gefühlte Milliarden von ihnen aufhalten. Mir war auf der Stelle klar, dass ich hier keine Ruhe finden würde.

Also machte ich auf dem Absatz kehrt und fuhr wieder Richtung Aurich, wo ich den Tag schließlich im Moor verbrachte.

my very first Pied Wheatear in Germany showed up at Norddeich on 30. September 2017

Die folgenden acht Jahre mied ich Norddeich und die ganze unmittelbare Küste wie der Teufel das Weihwasser.

Doch in diesem Herbst riskierte ich wieder einen vorsichtigen Blick hinter die bunten Kulissen. Nachdem ich Ende September gleich zwei Gelbbrauen-Laubsänger an einem Ort südlich der Leybucht und einen weiteren im Lütetsburger Wald beobachten konnte, kam mir abermals der Gedanke, es doch mal wieder zwischen Norddeich und Westerhörn zu versuchen. Die Verlockung war einfach zu groß, sodass ich nicht widerstehen konnte.

Es sollte die richtige Entscheidung sein! Ich fand eine junge Falkenraubmöwe auf dem Deich, später einen Spornpieper am Nordrand der Leybucht. Für mich waren und sind das schon ganz großartige Vögel. Doch am 30. September sollte es tatsächlich noch viel besser kommen...

Auf Ornitho las ich am Vorabend, dass jemand auf Norderney gleich vier Skuas gesehen hatte. Sturm Hervart fegte gerade über Norddeutschland hinweg und drückte viele Hochseevögel in die Deutsche Bucht hinein. Ich beschloss also, am folgenden Morgen den Strand von Norddeich nach genau solchen Arten abzusuchen.

Als ich dort ankam, standen da aber nur wenige gelangweilte Lachmöwen herum. Die Enttäuschung hätte kaum größer sein können. Trotzdem oder gerade deswegen machte mich nun auf, die Gebüsche in den Dünen nach Kleinvögeln abzusuchen und fing damit im südlichen Teil des Strandes an. Ich spekulierte auf einen Goldhähnchen-Laubsänger. Mindestens. Doch es war schließlich ein Steinschmätzer, der da gleich zu Beginn aus einem Weidenbusch herausschoss und nach hinten abflog.

Ende Oktober kann man an der Küste durchaus noch dem einen oder anderen "normalen" Steinschmätzer begegnen, doch nachdem ich diesen Vogel aufgescheucht hatte, stand ich plötzlich unter Strom, ohne dass ich den Grund dafür wusste. Viel hatte ich ja nicht erkannt. Eben nur, dass es sich um einen Steinschmätzer gehandelt hatte. Ich könnte jetzt behaupten, der hohe Weißanteil im Steuer sei mir aufgefallen, doch das wäre glatt gelogen.

Da war einfach so ein Gefühl, das mich dazu zwang, am Ball zu bleiben.

Vorsichtig ging ich also in die Richtung, in die der Vogel geflogen war. Es stürmte nach wie vor, und der Steinschmätzer suchte Windschutz. Leider sah er mich wenige Sekunden später abermals, bevor ich ihn entdecken konnte. Er flog aus einem kleinen Dünental auf und zurück zum Weidenbusch. Jetzt erkannte ich im Profil und mit bloßen Augen die schwarzen Unterflügeldecken, die einen normalen Steinschmätzer auf der Stelle ausschlossen und, so dachte ich jedenfalls, für einen Nonnensteinschmätzer sprachen.

Weil ich nun wusste, wo sich der Vogel aufhielt, konnte ich mich entsprechend vorsichtig anpirschen, die letzten Meter robbte ich auf dem Bauch.

Und da stand der Schönling, der tatsächlich ein junger männlicher Nonnensteinschmätzer (im Folgenden NSS) war, auf einem der Weidenzweige.

Meine Kamera gab alles:








I accidently flushed this bird on a stormy morning, when checking the shrubbery within the man made dunes at the edge of the also man made beach. At first brief sight this bird seemed to be just a normal Northern Wheatear, a species that is still on the run at the end of October. But every single bird has to be checked carefully. So I tried to relocate the Wheatear and flushed him one more time, because he saw me first. Now in flight I recognized the deep black underwing coverts, which immediately ruled out a Northern. Few minutes later I finally saw the bird standing on a twig and managed to identify it as a young male Pied Wheatear, a species that I had only seen many years before in Romania, where it breeds. All images show the same specimen

Leider flog der Vogel wieder auf und auch gleich davon.

Ich blickte nach links und sah den Grund dafür auf mich zulaufen: zwei Hunde.

Ich nutzte die Gelegenheit und streute rasch einige Mehlwürmer auf den Boden, direkt unterhalb des Zweiges, auf dem der NSS zuvor gestanden hatte.

Dann rief ich einen mir bekannten Beobachter aus Herne an, um ihn über den Vogel zu informieren und darum zu bitten, eine entsprechende Meldung rauszuschicken. Man kann so eine Entdeckung nicht für sich behalten. Käme das raus – und am Ende kommt immer alles heraus –, müsste man sich eine neue Identität zulegen und in ein möglichst fernes Land ziehen.

Nachdem ich den NSS nicht sofort wiedergefunden hatte, setzte ich mich in einiger Entfernung zum Weidenbusch in den kalten Sand und wartete auf seine mögliche Rückkehr. Und es klingt unglaublich, aber nach nur wenigen Minuten stand er doch tatsächlich wieder auf seinem Zweig!

Kaum war er gelandet, da flog der NSS auch schon auf den Boden und aß die ersten Mehlwürmer.

Jetzt habe ich dich, du kleines Biest, dachte ich erleichtert, denn wenn ich auch bereits ein sehr gutes Belegfoto in der Tasche hatte, so war ich natürlich darauf aus, noch bessere Bilder zu machen. Ich meine, die Gelegenheit dazu würde ich wohl nie wieder in meinem Leben bekommen.

Alles ging ganz schnell. Der zunächst so scheue und schreckhafte Vogel wurde innerhalb kürzester Zeit immer zutraulicher. Nach nur einer Stunde konnte ich mich nur etwa drei Meter von ihm entfernt auf den Boden legen. Die Sache mit den leckeren Mehlwürmern hatte sich also wieder einmal ausgezahlt.

Eines der ersten Bilder aus der Nähe:






Ja, da schien leider die pralle Sonne.

An diesem Tag gab es nur die Extreme. Entweder es war zappenduster und regnete heftig oder es schien die Sonne so klar, wie man es sich als Fotograf niemals wünscht.

Aprilwetter im Herbst.

So sehr ich mich auch über diese Entdeckung freute, so rasch füllte sich in den Sonnenphasen der Strand. Nun wusste ich wieder, warum ich all die Jahre nicht an diesem Ort gewesen war. Unglaubliche Menschenmassen strömten aus allen Richtungen zum Wasser. Und plötzlich ertönte ein lautes Knattern über mir. Ich blickte zum Himmel. Und da stand doch glatt ein fetter Drachen in der Luft, direkt über dem Weidenbusch!

Mir ist klar, dass jeder Mensch ein Recht auf Erholung hat. Aber wie kann man sich an einem solchen Ort erholen?

Noch schlmmer aber war, dass sich offensichtlich kaum eine Seele an Verbote halten wollte. Fast jeder, der den Strand betrat, erklimmte erst einmal eine der Dünen, um ein Selfie zu machen. Die Dünen, das steht auf unzähligen Schildern, dürfen grundsätzlich nicht betreten werden, weil sie ein wichtiger Teil des Küstenschutzes sind. Hunde und Lenkdrachen sind an diesem Strand ebenfalls verboten, doch es wimmelte von Vierbeinern, und der Himmel leuchtete und flatterte in allen erdenklichen Farben.

Nicht wenige Zeitgenossen verstießen gleich gegen alle erdenklichen Regeln gleichzeitig und ließen ihre Drachen von einer Dünenkuppe aus steigen, während ihre Hunde in den Gebüschen den Wildkaninchen nachstellten oder einfach stinkende Tretminen auslegten!

Kann man so ein Schild wirklich übersehen?










































tourists apparently don't care for signs like this one. Even at this time of the year the beach was filled up with thousands of people and dogs and kites 

Es ist in Norddeich nicht etwa so, dass die Menschen keine Wahl hätten.

Es gibt extra einen Hundestrand.

Und es gibt eine Drachenwiese.

All diese Angebote lassen sich innerhalb kürzester Zeit und in wenigen Schritten erreichen. Doch das wäre wohl zu viel verlangt. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Zahl der Analphabeten in diesem Land deutlich größer ist, als ich immer gedacht habe.

Eine kleine Randnotiz: Ich hatte mir einen Stock gesucht, den ich direkt vor dem Weidenbusch in den Sand stecken wollte. Darauf sollte sich der NSS stellen, und ich würde ihn dann auf dieser Warte fotografieren. Inzwischen waren wenige auswärtige Beobachter eingetroffen, die bezeugen können, dass plötzlich ein Hund auftauchte und den Stock, den ich zunächst nur auf den Boden gelegt hatte, einfach aufhob und mitnahm.

Das setzte dem ganzen Geschehen die Krone auf! Es war der Höhepunkt des Tages. Und obwohl ich genervt war vom Trubel, musste ich lachen, weil diese Situation einfach zu komisch war.

Viel lustiger jedenfalls als ein langatmiger und vorhersehbarer Witz von Mario Barth.


Was war das?

Bei meiner Ankunft am frühen Morgen des Reformationstages stand der Vogel überraschenderweise auf dem Grenzzaun zum Hundestrand, um nach Nahrung zu suchen.

Mir war sofort klar, dass da was nicht stimmen konnte. Nachdem ich den auf dem Pfosten stehenden NSS fotografiert hatte, eilte ich zum Busch, um meinen Verdacht zu überprüfen. Tatsächlich war der Behälter mit den Mehlwürmern leer, obwohl ich ihn am Abend randvoll zurückgelassen hatte. Jemand musste dort im Schutze der Nacht genascht haben. Ich füllte ihn auf, und nach einigen Minuten kehrte auch der Steinschmätzer zu seinem Basislager zurück.

Alles war wieder gut!

Der Busch, aufgenommen aus größerer Distanz:

this bush in the background served as Pied Wheatear's base camp

Ich wollte auch Lebensraumbilder machen.

Doch Knipsilein verweigerte ihren Dienst und machte plötzlich nur noch verschwommene Bilder. Ich überprüfte die Linsen, doch die waren kristallklar wie ein Regenwassertropfen. Ich kann also nicht erklären, warum meine Kompaktkamera sich nicht mehr an den Vertrag, den wir vor Jahren abgeschlossen hatten, gebunden fühlte. Aber in der heutigen Zeit sind Verträge ohnehin nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen!

Der ganz normale Wahnsinn (oder: die Hölle von Norddeich):

mass terrorism  on each single square meter

Die vielen Menschen und Hunde und Drachen machten am Ende auch wieder dem NSS zu schaffen.

War der Vogel noch vor dem Auftauchen all der Wahnsinnigen so unglaublich vertraut, wurde er jetzt wieder deutlich scheuer. Zuvor hatte der Steinschmätzer sich kaum von der Nahrungsquelle entfernt, war nur auf einen der nahen Zweige gehüpft oder geflogen, doch jetzt verschwand er nach jeder Mahlzeit und steuerte den einzigen ungestörten Bereich in den Dünen an.

Auch die Mahlzeiten selbst verliefen jetzt ganz anders. Der Vogel stopfte innerhalb kürzester Zeit die Mehlwürmer in sich hinein, um möglichst schnell wieder verschwinden zu können. Zuvor war er oft lange stehen geblieben, völlig entspannt und mit aufgeplustertem Gefieder. Eben so, wie ihr es auf dem ersten Bild in diesem Beitrag sehen könnt.

Jetzt sah er meist so aus:

Oder so:

Es gab aber auch Menschen, die nicht einfach durchs Bild liefen, wenn wir zu dritt oder viert auf dem Boden lagen, um den Vogel zu fotografieren.

Es gab tatsächlich Menschen, ausgestattet mit ausreichend Sensibilität und Intelligenz, die auf der Stelle erkannten, dass da etwas passierte. Aus gebührendem Abstand verfolgten sie das Geschehen, das sie vielleicht nicht sofort einordnen konnten, um dann, nachdem wir aufgestanden waren, freundlich nachzufragen.

Das waren dann die wenigen Lichtblicke.

Als Vogelbeobachter und -fotograf darf man nicht immer mit Verständnis oder gar Erkenntnis rechnen. Geht man als Jäger ins Outback, weiß jeder auf der Stelle, da geht jemand jagen. Ein Angler wird sofort als solcher erkannt. Lässt jemand einen Drachen steigen oder einen Hund x-mal den Ball holen, kann das auch jeder Mensch sofort in die richtige Schublade packen. Doch wenn man mit Fernglas und Kamera durch die Gegend läuft oder wenn, wie in diesem Fall, mehrere Beobachter einen Busch aufmerksam im Auge behalten, dann wirft das Fragen auf.

Das Interesse an der Natur ist einfach zu trivial, als dass man als Normalsterblicher auf die Lösung kommen könnte.

Noch schlimmer aber ist es, wenn sich die Menschen erst gar keine Fragen mehr stellen. Da waren richtige Idioten unterwegs, die unmittelbar an uns vorbeistolperten und uns überhaupt nicht wahrnahmen. Andere ließen direkt neben dem Busch einen Drachen steigen und kamen nicht einmal ansatzweise auf die Idee, dass sie eventuell stören könnten.

Es war wirklich wieder unglaublich!

Ich überlegte, ob ich erstmals in diesem Jahr meine Pumpgun einsetzen sollte.

Doch dann fiel mir ein, dass ich sie im Wagen vergessen hatte.

Gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle sowohl die Hunde als auch die kleineren Kinder in Schutz nehmen. Sie trifft absolut keine Schuld. Es sind die Erwachsenen, Herrchen und Frauchen oder die Eltern, die dem Anschein nach nichts von Geboten oder gar Verboten halten und mit schlechtem Beispiel vorangehen.

Und deshalb sind auch nur sie allein verantwortlich.

Wie heißt es immer so schön? Eltern haften für ihre Kinder (und Hunde). 







Der Nonnensteinschmätzer, um den Namen mal wieder ganz auszuschreiben, ist ein sehr seltener Gast in Deustchland.

Sein Brutgebiet erstreckt sich (in etwa) von der Ost-Ukraine über Kasachstan bis nach China. Es gibt isolierte Populationen in der östlichen Türkei und in der Dobrudscha, sowohl im rumänischen als auch im bulgarischen Teil. Und genau dort, also in Rumänien, habe ich den NSS im Mai 1996 auch gesehen. Gemeinsam mit einigen Kollegen stieß ich dort auf gleich mehrere Paare an steilen Felswänden nahe der Ortschaft Cheia.

Die Winterquartiere dieser Art befinden sich in Ostafrika.

Es verhält sich hier also wie bei Gelbbrauen-Laubsänger und Spornpieper. Deutschland liegt völlig abseits der regulären Verbreitung des NSS. Mit anderen Worten: Der Vogel hat beim Verlassen des Brutgebietes einfach die falsche Richtung eingeschlagen und wahrscheinlich gleich mehrere tausend Kilometer zurückgelegt. Das späte Datum lässt vielleicht sogar darauf schließen, dass er nicht aus dem westlichen Teil seines Areals stammte.

Doch das wäre reine Spekulation.



Insgesamt dürfte der NSS bis heute etwa 21 Mal in Deutschland festgestellt worden sein. 

All diese Nachweise gelangen im Nordseeraum, die meisten davon in der jüngeren Zeit. Allein das kleine Helgoland kann bislang mit 14 Beobachtungen protzen. Nur eine davon stammt aus dem 19. Jahrhundert, alle anderen aus dem Zeitraum von 1988 bis heute.

Interessant ist, dass der Erstnachweis in den Niederlanden ebenfalls im Jahr 1988 gelang. Für unser kleines Nachbarland liegen bislang 22 Beobachtungen vor, die alle, bis auf eine Ausnahme, ebenfalls im unmittelbaren Nordseeraum gelangen. In manchen Jahren, etwa 1999, konnten sogar gleich drei NSS in NL entdeckt werden.

Für Niedersachsen kann ich halbwegs verlässliche Angaben machen. Möglicherweise handelt es sich im Falle des Norddeicher Vogels erst um den zweiten Nachweis für den kontinentalen Teil des Landes, nach einem NSS, der sich am 21. und 22. Juni 2001 bei Hilgenriedersiel (ebenfalls Ostfriesland) aufgehalten hat. Ein weiteres Individuum, das im Oktober 2012 Weddewarden besuchte, muss dem Land Bremen zugeschlagen werden, ein anderer Vogel war fast genau ein Jahr zuvor auf der Insel Neuwerk und somit in Hamburg entdeckt worden. Ansonsten wurde diese hübsche Art (mindestens jeweils einmal) auf Wangerooge, Mellum und Sylt (Schleswig-Holstein) beobachtet.

Kann es also sein, dass der NSS seit 1988 verstärkt in Mitteleuropa auftritt?

Möglich ist das, doch wahrscheinlich spielen auch noch andere Faktoren im Zusammenhang mit dieser offensichtlichen  Zunahme der Beobachtungen eine bedeutende Rolle. So gibt es heute viel mehr Beobachter als noch vor Jahrzehnten. Diese nutzen Ferngläser und Spektive von unglaublich hoher Qualität, wie man sie früher nicht kannte. Der Hauptgrund ist meiner Meinung nach aber eine stark verbesserte und viel umfangreichere Bestimmungsliteratur.

Zahlreiche feldornithologische Zeitschriften wie Dutch Birding und Limicola haben seit Beginn bzw. Mitte der 1980er Jahre im Monatsrhythmus Artikel veröffentlicht, die sich eingehend mit der Bestimmung von Vögeln beschäftigten. Etwas später erschien mit dem Jonsson (Die Vögel Europas und des Mittelmeerraumes) ein legendäres und bahnbrechendes Buch, dessen Gemälde so exakt und naturgetreu ausgearbeitet waren, dass man plötzlich z. B. auch die einzelnen Steinschmätzer-Arten nicht mehr nur im Prachtkleid, sondern auch in diversen Schlichtkleidern sauber und sicher voneinander trennen konnte.

Der unglaublich talentierte Lars Jonsson ist deshalb für mich fast schon so eine Art Gott ;-)

Der Vogel in Norddeich war sich seines besonderen Status' nicht bewusst.

Er interessierte sich nur für Mehlwürmer:


Interessant war auch, dass die Kehle des Vogels mal schwarz, mal fast weiß wirkte.

Es war eine Sache der Perspektive. Die an der Basis schwarzen Federn haben helle Spitzen. Betrachtete man den Vogel von der Seite, sah man die dunklen Basen aber nicht, von vorn aber schon.

Die hellen Spitzen und Säume vieler Federn (Armdecken, Hand- und Armschwingen) werden sich im Laufe des Winters und zeitigen Frühjahrs abnutzen, sodass am Ende das schwarz-weiße Prachtkleid zum Vorschein kommt.

Beim Vogel in Norddeich konnte man es nur erahnen:

Inzwischen hat der NSS den hoffnungslos überfüllten Strand verlassen.

Es war die erste windstille Nacht (vom 2. auf den 3. Oktober) seit seiner Ankunft am 30. Oktober, die er ganz spontan für die Fortsetzung seiner Reise genutzt hat. Wohin sie ihn führen wird, muss leider unbekannt bleiben.

Ich bin aber gespannt darauf, ob in diesem Herbst noch irgendwo ein junger männlicher Nonnensteinschmätzer auftauchen wird.

So, der Text ist jetzt alle, es folgen zum Abschluss nur noch ein paar Bilder.

Nummer eins:

Nummer zwei:

Nummer drei zeigt noch einmal den normalen Steinschmätzer aus dem letzten Bericht zum Vergleich:


Northern Wheatear for comparison

Nummer vier wieder den Nonnensteinschmätzer:

Und Nummer fünf denselben Vogel, doch diesmal aufgenommen unter einem finsteren Himmel und somit bei schlechtestem Licht:

Ich hoffe, der seltene Gast wird nicht im Nirgenwo enden.

Vielleicht wird er ja sogar bis zum nächsten Frühjahr in seine heiße Heimat zurückfinden. Doch jetzt gilt es wohl erst einmal, ein passendes Winterquartier zu finden.

Der Strand in Norddeich war dafür leider nicht geeignet. Die Tourismus-Saison ist inzwischen so lang, dass der Vogel dort niemals ungestört geblieben wäre. Îch wünsche ihm also abschließend ein glücklicheres Händchen bei der Auswahl des nächsten Rastplatzes.

Wo auch immer der sich befinden mag.

Norderney wäre doch ein schönes Ziel:




































the city of Norderney in the background

Ich meine, der Vogel muss sich ja nicht gleich im Ort, den man hier auf dem Bild erkennen kann,  niederlassen. 

Die Insel hat unendliche Strände und riesige Gebüsche. Da sollte es sich doch sehr gut überwintern lassen. 

Und weit zu fliegen bräuchte der Nonnensteinschmätzer auch nicht. Von Norddeich aus sind das nur schlappe sieben Kilometer, auf der Karte in meinem Atlas sogar nur wenige Millimeter. Und wenn es dort immer noch zu unruhig sein sollte, dann käme noch das im positiven Sinne verschlafene Juist infrage. Wenn ich könnte, ich würde mich dem Vogel auf der Stelle anschließen.

So, abschließend möchte ich noch etwas zu den Mehlwürmern schreiben.

Ich zeige ihnen die große, weite Welt und wie Vögel von innen aussehen. Sie bilden meine kleine und ganz persönliche Sondereinsatztruppe. Und wenn sie endlich zu ihrem Einsatz kommen, geht es immer gleich um Leben und Tod. Ohne sie hätte ich in der Vergangenheit so manchen Vogel nicht fotografieren können.

Von ganz besonderer Bedeutung waren sie jetzt im Falle des Nonnensteinschmätzers!

Alle Steinschmätzer-Arten suchen ihre Nahrung vorzugsweise am Boden. Sie benötigen auch auf dem Zug offene, vegetationslose oder nur schütter bewachsene Lebensräume. Grundsätzlich wäre also so ein Strand wie der in Norddeich sehr gut geeignet gewesen. Doch die unglaublich vielen Menschen und Hunde, die in diesen Tagen wirklich auch noch jeden verstecktesten Quadratmeter des Strandes und der Dünen okkupierten, hätten  den Vogel immer nur hin und her gescheucht und am Ende zum Verlassen des Gebietes gezwungen.

Meiner künstlichen Nahrungsquelle ist es wohl zu verdanken, dass der NSS trotzdem ein paar Tage blieb. Den größten Teil des Tages konnte der Vogel an einem geschützten Ort und abseits des Trubels verbringen, weil er insgesamt nur wenige Minuten für die Nahrungsaufnahme benötigte.

Trotzdem: Wenn der NSS bei seiner wahrscheinlich frühmorgendlichen Ankunft auch nur im Ansatz geahnt hätte, was ihn an diesem Strand erwartet, er wäre bestimmt gleich weitergezogen.